Anwachsung eines Erbteils: Botanik in der Erbengemeinschaft

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[ 02.03.2010 ]

Gerhard Ruby - Portrait

Erklärt von Rechtsanwalt Gerhard Ruby

ist der Übergang eines Erbanteils auf einen oder mehrere Miterben in einer Erbengemeinschaft. Hat der Erblasser z.B. drei Miterben A, B und C zu je 1/3 zu Erben eingesetzt und schlägt C seinen 1/3 Erbanteil aus, kann der 1/3 Erbteil den beiden anderen Miterben A und B anwachsen, so dass jeder von ihnen dann 1/2 Erbanteil hat.

1. Überblick zur Anwachsung

Als Anwachsung wird der (dingliche) Vorgang bezeichnet, bei dem ein Gesamthänder (z.B. Miterbe) aus einer Gesamthandgemeinschaft (z.B. Erbengemeinschaft) ausscheidet und dessen Anteil an der Gesamthandsgemeinschaft den verbleibenden Gesamthändern „anwächst“, d. h. diesen anteilig zufällt.

Die Anwachsung spielt in der Praxis vor allem im Erbrecht bei den Erbengemeinschaften und im Gesellschaftsrecht bei den Gesellschaften eine Rolle. Erbengemeinschaft und Gesellschaften (GbR, der OHG und der KG) sind Gesamthandsgemeinschaften.

Beispiele für häufig vorkommende Fälle der Anwachsung sind

  • im Erbrecht der Erwerb eines Teils der Erbmasse oder eines Vermächtnisgegenstandes durch einen Miterben oder Mitvermächtnisnehmer, der eintritt, weil einer der anderen Miterben oder Mitvermächtnisnehmer den ihm zugedachten Anteil nicht erwerben konnte (§ 2094, § 2158 BGB);
  • im Gesellschaftsrecht der Übergang der Mitberechtigung eines ausscheidenden Gesellschafters am Gesellschaftsvermögen auf die übrigen Gesellschafter bei der Gesellschaft bürgerlichen Rechts nach § 738 BGB, wenn der Gesellschaftsvertrag für den Fall des Ausscheidens die Fortsetzung der Gesellschaft unter den übrigen Gesellschaftern vorsieht. Der ausscheidende Gesamthänder erhält zum Ausgleich einen schuldrechtlich Anspruch gegen die verbleibenden Gesamthänder auf Abfindung.

Die mit der Anwachsung einhergehende Gesamtrechtsnachfolge wird im Gesellschaftsrecht, insbesondere bei der GmbH & Co KG häufig für Umwandlungen kraft Gesetzes, also außerhalb des Umwandlungsgesetzes, genutzt (sog. Anwachsungsmodell).

2. Anwachsung und Ersatzerbfolge

Was bedeutet die Aussage, dass das Ersatzerbenrecht dem Anwachsungsrecht vorgeht?

§ 2099 BGB Ersatzerbe und Anwachsung
   
Das Recht des Ersatzerben geht dem Anwachsungsrecht vor.

Ersatzerben sind Ersatzleute (sozusagen die auf der Ersatzbank), wenn der eigentliche Erbe ausfällt, z.B. weil er vor dem Erblasser verstirbt oder ausschlägt. Dann erbt an seiner Stelle der Ersatzerbe.

§ 2096 BGB Ersatzerbe
   
Der Erblasser kann für den Fall, dass ein Erbe vor oder nach dem Eintritt des Erbfalls wegfällt, einen anderen als Erben einsetzen (Ersatzerbe).

Von der Ersatzerbeneinsetzung ist die Anwachsung zu unterscheiden:

§ 2094 BGB  Anwachsung
   
(1) Sind mehrere Erben in der Weise eingesetzt, dass sie die gesetzliche Erbfolge ausschließen, und fällt einer der Erben vor oder nach dem Eintritt des Erbfalls weg, so wächst dessen Erbteil den übrigen Erben nach dem Verhältnis ihrer Erbteile an. Sind einige der Erben auf einen gemeinschaftlichen Erbteil eingesetzt, so tritt die Anwachsung zunächst unter ihnen ein.
   
(2) Ist durch die Erbeinsetzung nur über einen Teil der Erbschaft verfügt und findet in Ansehung des übrigen Teils die gesetzliche Erbfolge statt, so tritt die Anwachsung unter den eingesetzten Erben nur ein, soweit sie auf einen gemeinschaftlichen Erbteil eingesetzt sind
   
(3) Der Erblasser kann die Anwachsung ausschließen.

Bei der Anwachsung wächst der Erbteil des Weggefallenen den anderen Erben im Verhältnis ihrer Erbteile an. Ist A zu 1/2 Erbe und B und C zu je 1/4 – und sind keine Ersatzerben benannt – so wächst bei einem Wegfall des C dessen 1/4 Erbteil dem A zu 2/3 an also mit 2/12 = 1/6, so dass sich sein halber Erbteil um 1/6 auf 1/2 + 1/6 = 3/6 + 1/6 = 4/6 = 2/3 erhöht. Der Erbteil der B erhöht sich demzufolge auf 1/3.

Zu beachten ist hierbei folgende Regel:

§ 2069 BGB Abkömmlinge des Erblassers
   
Hat der Erblasser einen seiner Abkömmlinge bedacht und fällt dieser nach der Errichtung des Testaments weg, so ist im Zweifel anzunehmen, dass dessen Abkömmlinge insoweit bedacht sind, als sie bei der gesetzlichen Erbfolge an dessen Stelle treten würden.

Merke: Sogar die Ersatzerbfolge nach der Vermutungsregel des § 2069 BGB geht der Anwachsung vor!

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