S’Erbe

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[ 02.04.2014 ]

Gerhard Ruby - Portrait

Erklärt von Rechtsanwalt Gerhard Ruby

Dieses Mundartgedicht von Ingrid Koch wurde uns freundlicherweise von der Vorsitzenden der Muddersprochgesellschaft VS-Villingen, Frau Brüderle zur Verfügung gestellt.

S‘ Erbe

Wehe dene, dia als Oinzelkind

ins Lebe neigschtellt worre sind,

dia also bis zum bittre End

nia den Genuss von Gschwischter hent,

koin Schwoger und koi Schwägerin –

des schmälert doch de Lebenssinn!

Koin Rückhalt, aus em oigne Nescht,

nia mol a schees Familienfescht,

null Bluetsverwandte erschten Grades –

was isch des für a leeres, fades

und menschlich reduziertes Lebe:

Verwandschaftlicher Notstand ebe.

Tragisch, wer demit lebe muss…

… drum hoißt jetzt au mein Umkehrschluss:

Wohl dene, dia de liabe Godd

mit G’schwischter üppig gsegnet hot,

weil, guet verschwägert und verschwippt,

des denn a starke Sippe gibbt,

dia noch dem edle Grundsatz lebbt,

dass, wenn d’Familie zammehebbt,

me Glück und Friede sich erwirbt…

… bis überraschend d’Oma stirbt,

dia neb‘ me Heisle (zwar koi neis,

doch immerhin a schuldefreis)

no – ihrer Sparigkeit sei Dank –

fünf Kkonte ghett hot auf de Bank

mit respektable Geldbeträg…

… und zmol duets jesesdumpfe Schläg!

Bevor – ihr Grab isch noch ganz frisch –

no s’Teschtament eröffnet isch,

gibbt me sich scho mal dischtanziert,

weil jeder heimlich kalkuliert,

und nochzählt mit em Rechestift,

wia viels ihn wohl beim Erbe trifft,

wobei er logisch denoch giert,

dass er de Hauptdoil abkassiert…

… denn wer hot sich denn seit jeher

um d’Oma kümmert, wenn it er!

Mag sei. Doch bled isch underm Strich:

Des denket ALLE jetzt von sich!

Wia d’Denke von de Oma war,

wird aber beim Noar ersch klar –

und der verzehlt oim, wia so oft,

was anders, als me sich erhofft.

De oigne A’doil isch it groß,

a Brösele vom Kuache bloß,

des hoißt: de Falscche wird beschert…

…und ratzfatz isch de Kriag erklärt!

Und wo me früher war froh vereint,

isch me jetzt derart spinnefeind,

dass me sich, wirklich hiernverbrennt,

it s’Schwarze underm Nagel gennt…

… und weil koi Lösung isch in Sicht,

landet des Ganze vor em Gricht.

Do wird de Casus gwälzt und gfilzt

so lang, bis de ganz Zaschter schmilzt!

Denn sind, als Folge von dem Zank,

de Awalt reich – und d’Erbe blank.

S’isch schlimm, wer demit lebe muss;

drum lautet folglich jetzt mein Schluss:

Wohl dene, dia als Oinzelkind

ins Lebe neigschtellt worre sind,

weil dia von vornerei scho wisset ,

dass se mit niemand doile misset.

Die Mundartdichterin ist:

Ingrid Koch

Säntisstraße 3

88069 Tettnang

Tel.: 07542/55663

www.ingrid-koch.de

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